Das Ritual - eine Halloweengeschichte

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Zu Halloween habe ich eine etwas unheimliche Kurzgeschichte veröffentlicht. - Viel Spass beim Lesen.

Mareike hastete durch mehrere Wagen, bis sie endlich ein leeres Abteil fand. Nachdem sie ihren Koffer und die Tasche mit den Vorräten verstaut hatte, setzte sie sich auf einen Platz am Fenster, lehnte ihren Kopf an die Scheibe und schloss die Augen. Die Musik aus den Kopfhörern ihres Smartphone vermischte sich mit dem Rattern der Räder.

Die wenigen Tage bei den Eltern waren viel zu schnell vergangen. In Frankfurt bewohnte sie ein möbliertes Zimmer, das sie einem Krankenhauspriester verdankte, dem sie von ihrer Wohnungssuche berichtet hatte. Die Eigentümerin, eine kauzige ältere Dame, wohnte im Obergeschoss. Früher hatte sie eine kleine Pension geführt. Heute waren die Zimmer an Dauermieter vergeben.

Bei der nächsten Station füllte sich der Zug. Ein Mann setzte sich schnaufend neben sie. »Fährst du nach Frankfurt?« Mareike nickte.

»Ich besuche meinen Sohn. Er ist im Gefängnis. In Preungesheim.«

Mareike sank im Sitz zusammen. Warum zog sie ständig problembeladene Menschen an?

»Kennst du Preungesheim? «

Sie schüttelte den Kopf und schaute aus dem Fenster. Der Mann redete unbeirrt weiter. »Er hat Pech gehabt. Er ist ein guter Junge. Aber diese Schlampe ...«

Er musterte Mareike. Sein forschender Blick war ihr unangenehm. Ihr wurde kalt, trotz Mantel und Wollmütze.

»Bist du verheiratet?«

Mareike biss sich auf die Lippen und schüttelte den Kopf.

»Wo arbeitest du?«

Der Mann neben ihr fixierte sie mit tiefliegenden kleinen Augen. Sein Gesicht bestand fast nur aus Falten.

»Ich bin Krankenschwester.«

Sie wandte ihren Blick ab und schaute auf die vorüberziehende Landschaft.

»Mein Sohn. Ich habe ihn gewarnt!«, nahm der Alte seinen Faden wieder auf. »Schlangen, widerliche unzüchtige Schlangen. Gott wird sie alle strafen«, zischte er und es schien ihn nicht zu interessieren, ob Mareike zuhörte oder nicht.

Quietschend öffnete sich die Abteiltür. Ein im Gothik-Stil geschminktes Paar trat ein. Das Mädchen setzte sich auf den Schoß des Jungen, kuschelte sich an ihn.

Die Missbilligung, mit der der Alte die beiden anstarrte, war fast körperlich greifbar. Mareike fühlte sich so unbehaglich, dass sie eine Station zu früh ausstieg.

In der Straßenbahn bemerkte sie, dass sie die Tasche mit den Leckereien im Zug vergessen hatte. Sie verzog genervt das Gesicht, bei der Vorstellung, dass der Alte die Süßigkeiten seinem Sprössling ins Gefängnis bringen könnte. Noch dazu musste sie zweimal umsteigen, bis sie endlich ihr Zuhause erreichte.

Morgen war Halloween. Viele Häuser waren geschmückt. Mareike lief an lachenden Kürbissen und gruselig beleuchteten Hexen vorbei. Das Haus, in dem sie wohnte, war als Einziges in der Straße dunkel.

Neben dem Eingang lehnte ein helles Holzkreuz, auf dem ein Spruch in altdeutscher Schrift geschrieben stand. Die Tür öffnete sich, bevor sie ihn entziffern konnte. Vor ihr stand ein junger Mann. »Kann ich helfen?« Er war etwas größer als sie. Sein blondes Haar wirkte leicht verstrubbelt, sein Gesicht war gebräunt, der Körper athletisch. Zu einer dunklen Jeans trug er ein weißes Hemd.

»Ich heiße Mareike Stein und wohne hier«, erwiderte sie, während sie den Flur betrat.

»Fein, dann sind wir Nachbarn«, freute er sich und rechte ihr die Hand.

»Ich bin Jan Breuer.« Blaue Augen musterten sie freundlich.   »Können wir weitermachen?«

Eine griesgrämige Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Rasch zog sie ihre Hand zurück, die Jan noch immer hielt, und begrüßte ihre Frau Grund, die aus der Wohnküche lugte. Die Mitbewohnerin, die das Zimmer am Ende des Ganges bewohnte, nickte knapp zurück. Jan zwinkerte Mareike zu, bevor er sich in der Wohnküche neben Frau Grund setzte, um mit ihr ein Formular auszufüllen.

Mareike schloss die Tür ihres Zimmers. Ihr Herz klopfte. Wer war der junge Mann? In welchem Zimmer wohnte er? Die vier Räume dieser Wohnung waren vermietet. Außer Karin Grund wohnte hier noch Herr Schneider, ein älterer Mann, und neben ihrem Zimmer logierte eine alleinerziehende Mutter. Vielleicht war er der Vater des Kindes? Frau Döring lebte mit ihrem Baby sehr zurückgezogen. Ab und an waren sie sich in der Küche begegnet. Einmal, als sie sich das Baby anschauen wollte, hatte die Mutter den Kinderwagen wortlos in ihr Zimmer gefahren und die Tür zugeschlagen. Seitdem ging sie der Frau aus dem Weg.

Sie zog sich um, bevor sie in die Küche ging, um sich einen Tee zu kochen. Der junge Mann saß auf der Eckbank und las in einer Zeitung. Er war allein.

»Ist Herr Schneider ausgezogen?«, fragte sie.

»Herr Schneider? Nein. Ich wohne in dem Zimmer direkt neben dem Eingang.«

»Oh, dann sind Sie der Vater?« Sie hoffte, dass er ihrer Stimme die Enttäuschung nicht anmerkte.

»Nein, ich habe noch keine Kinder. Ich lebe allein.« Er lächelte. In ihrem Bauch tummelten sich Schmetterlinge.

»Dann ist Frau Döring wohl ausgezogen.«

»Frau Döring?«

»Sie wohnte mit ihrem Baby in diesem Zimmer.«

»Ich habe das Zimmer vor fünf Tagen gemietet. Die Vormieter kenne ich nicht.«

»Hier gab es kein Baby!«, mischte sich Frau Grund ein, die mit einem Ordner die Küche betrat. »Niemals. Das Zimmer stand schon ewig leer. Herr Schneider kann das bezeugen.« Ihre stechenden Augen fixierten Mareike.

»Also bitte, ich kannte Frau Döring und habe vor zwei Wochen noch mit ihr gesprochen.«

»Vielleicht war einmal eine Besucherin da, obwohl das, wie Sie wissen, verboten ist. Gewohnt hat in diesem Zimmer niemand!«, belehrte Frau Grund sie. Jan zuckte nur mit den Schultern und schaute Mareike hilflos lächelnd an. Sie fühlte, wie ihr das Blut in den Kopf schoss.

Sie schluckte eine Erwiderung hinunter, nickte ihrem neuen Nachbarn zu und verzog sich mit ihrer Teekanne in ihr Zimmer. Als sie später durch den Flur zum Bad ging, drang dumpfes Gemurmel durch die jetzt verschlossene Küchentür. Noch im Bett überlegte sie, wieso Frau Grund die junge Mutter verleugnete. Die beiden schienen engen Kontakt gehabt zu haben. War die junge Frau illegal hier gewesen?

In dieser Nacht träumte sie von Jan. Seine Hände streichelten zärtlich über ihren Körper, warme Lippen berührten sanft die ihren, als sie ein Weinen aufschreckte. Sie war allein im Zimmer. Schlaftrunken schaute sie auf ihren Wecker. Vier Uhr morgens. Sie versuchte, sich zu konzentrieren. Nichts, kein Ton. Sie wälzte sich auf die andere Seite und gab sich wieder ihren Gedanken an den neuen Mitbewohner hin. Als was er wohl arbeitete? Er war sportlich salopp gekleidet. Wie ein Vertreter wirkte er nicht. Ob sie ihn morgen wiedersehen würde? Bizarre Schatten bewegten sich an die Wand. Ein kalter Lufthauch traf ihr Bein. Sie hielt die Luft an, dann zwang sie sich aufzustehen. Die Schatten an der Wand, nur Mondlicht und die im Wind bewegten Äste der alten Buche. Die kühle Luft zog durch das undichte Fenster. Es war schon fast halb fünf. Keine Zeit, um sich noch einmal hinzulegen, wenn sie pünktlich bei der Arbeit sein wollte. 

Sie zog den Morgenmantel über und tappte ins Bad. Duschen um diese Uhrzeit war verboten, Frau Grund hatte einen leichten Schlaf. Sie wusch sich flink mit dem Waschlappen, putzte die Zähne und huschte zurück in ihr Zimmer.

Heute Abend war Halloween. Sie zog sich rasch an und langte nach ihrem Schminktäschchen. Mit flinken Strichen malte sie ein Spinnennetz auf ihre Wange. In der Küche rumorte es. Mareike lauschte, denn Frau Grund stand nie vor acht Uhr auf. 

Jan? Sie atmete tief durch, kontrollierte ihr Gesicht, haderte kurz mit sich und wischte das Spinnennetz wieder weg. Stattdessen legte sie ein dezentes Make-up auf, nahm die Handtasche und verließ ihr Zimmer. Er stand am Herd, lächelte sie an. »Guten Morgen. Möchten Sie einen Tee?«

Mareike schaute auf die Uhr. »Oja, sehr gern.«

Er reichte ihr eine Tasse. »Sie stehen früh auf.«

»Ich arbeite im Krankenhaus.«

Er lächelte. »Dann wünsche ich Ihnen einen ruhigen Dienst.«

»Danke.« Sie stürzte den Tee herunter und hastete zur Straßenbahn. Dabei ärgerte sie sich über sich selbst. Normalerweise war sie nicht so auf den Mund gefallen. Gestern Abend und heute, was musste er für ein Bild von ihr haben?

Auf Station zog sie sich rasch um. Die Kollegen saßen im Dienstzimmer. »Wir müssen eine Kraft an Station 13 abgeben.« Die Oberschwester blickte suchend umher.

Ihr Blick fiel auf Mareike. »Du warst im Urlaub und kennst die neuen Patienten noch nicht, ich denke, es wird am besten sein, wenn du es übernimmst.«

Das Aufatmen ihrer Kollegen war deutlich zu hören. »Jetzt gleich?«

»Am besten, ja. Weißt du, wo die Station ist?«

Mareike schüttelte den Kopf.

»Sie ist im Altbau. Erster Stock.«

Mareike erhob sich. Die Leiterin hielt sie zurück. »Du kannst mit uns noch eine Tasse Kaffee trinken, die Stückchen hat die Schülerin mitgebracht.«

Mareike setzte sich und nahm einen Muffin. Er war mit orangefarbenem Zuckerguss und einem Spinnennetz verziert. Er schmeckte fast noch süßer, als er aussah. Sie trank noch einen Kaffee mit den Kolleginnen, bevor sie sich verabschiedete.

Um zu der anderen Station zu gelangen, musste sie den Park durchqueren. Auf Station 13 empfing sie eine Geruchsmischung aus Urin, abgestandenem Rauch und scharfen Desinfektionsmitteln. Im verqualmten Stationszimmer saßen ein älterer Krankenpfleger und eine Pflegehelferin beim Kaffee.  Mareike wusste, dass es im Haus verboten war, zu rauchen. Der Pfleger sah jedoch nicht so aus, dass sie den Wunsch verspürte, ihn daran zu erinnern: Die dünnen grauen Haare trug er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Seine Hosen waren grau, wie sein Muskelshirt, die Arme bis zu den Händen tätowiert. Die Helferin trug den blauen Kittel, der sie als Hilfskraft auszeichnete, offen über einen enganliegenden Wollpullover. Die blonden Haare türmten sich zu einer Hochfrisur. Ihr roter Lippenstift war verwischt. 

»Bist du die Aushilfsmaus?«, fragte der Pfleger.

»Ich bin Schwester Mareike!«, antwortete sie.

Der Mann musterte sie. »Ziemlich jung. Schülerin?«

»Nein, ich bin examiniert. Arbeite schon seit fünf Monaten hier.«

Sie schaute sich um. Das Stationszimmer wirkte, als sei die Zeit vor dreißig Jahren stehen geblieben.

»Ich bin Horst, das ist Ludmilla.«

Horst stand auf. Er war mindestens einen Kopf größer als sie. »Dann wollen wir mal. Ihr zwei Mädchen macht die Betten, ich verteile die Medikamente.«

»Was muss ich über die Patienten wissen?«

»Ludmilla weiß alles.«

Der rostige Bettenwagen quietschte, wenn man ihn bewegte. Viele Patienten waren bettlägerig, fast jeder hatte einen Katheter. 

Nach drei Stunden war Mareike kaputt. Ludmilla verabschiedete sich in die Raucherpause und Mareike nahm sich in der Küche ein Glas Wasser. Eine Hand legte sich plötzlich auf ihre Schulter und ließ sie zusammenzucken.  Horst. Sie wich einen Schritt zurück, er lachte. »Habe ich dich erschreckt?« Sein Blick wanderte an ihr herab.

»Komm mit ins Bad.«

Irritiert über seine Aufforderung, blieb sie stehen.

»Keine Angst, du sollst nur helfen, einen Patienten umzubetten.«

Der Patient lag auf einem verdreckten Laken und bewegte sich nicht. Seine starr aufgerissen Augen blickten aus einem verzerrten Gesicht ins Leere. Tote sehen meist friedlich aus, weil die Muskulatur erschlafft. Hier erblickte sie das Gegenteil.

»Der muss in die Pathologie runter.« Horst nahm eine zerknautschte Zigarette aus der Tasche seines Kittels und steckte sie hinter sein Ohr. »War der Arzt schon da?«

»Ja, gestern Abend. Die Nachtwache hat ihn hier gelagert, sie hat es nicht geschafft, ihn fertigzumachen. Zuerst sind die Lebenden dran. Wir legen den jetzt auf ein frisch bezogenes Bett, dann kannst du ihn waschen, anziehen und runter fahren. Mit dem Rest werden wir hier allein fertig.«

Der Mann war schwer. Es gelang Mareike nicht, ihn zu drehen. Horst beobachtete sie grinsend, dann gab er ihr ein Laken und drehte den Toten. Ihr schoss das Blut in den Kopf, während sie das frische Betttuch unterschob. Horst drehte ihn genauso leicht zur anderen Seite, so dass sie den Rest des Lakens herausziehen konnte. Sie schoben das neue Bett an das andere und betteten die Leiche mit Hilfe eines Lifters um.

»Zieh ihm, wenn du fertig bist, das Hemd, das auf dem Stuhl liegt, über. Ich geh jetzt erst mal eine rauchen.« 

Mareike wischte sich über die Stirn und wechselte die Handschuhe. In Gedanken versunken bereitete sie lauwarmes Wasser vor. Die Augen des Toten schienen sie bei ihren Handgriffen zu verfolgen. Seinen Schlafanzug schnitt sie nach kurzem Überlegen auf und warf ihn in den Müll, bevor sie den starren Leichnam vorsichtig reinigte. Das frische Hemd anzuziehen erwies sich als schwierig. Die Nachtschwester hätte ihm wenigstens die Augen schließen und das Kinn hochbinden können, ärgerte sie sich, denn die Leichenstarre hatte schon vor Stunden eingesetzt. Sie dankte im Geheimen ihrer Ausbilderin, die ihr eingeschärft hatte, immer genügend Handschuhe, eine Schere und mindestens eine Mullbinde in der Kitteltasche zu haben. Da sie keine Kompressen fand, schnitt sie zwei kleine Stücke der Mullbinde ab, feuchtete diese an, und legte sie über die offenen Augen. Der aufgerissene Mund ließ sich nicht mehr schließen.

»Fertig?« Horst schlug die Tür hinter sich zu. »Auf geht‘s.«

Er rollte den Leichnam zur Seite, damit sie die Unterlage entfernen konnte. Die Hände kreuzte er auf dem mächtigen Bauch. Zum Schluss klebte er noch ein Namensschild auf einen blaufleckigen Fuß, bevor er ein frisches Laken über den Mann breitete. Unter dem Tuch zuckte es. Mareike hielt die Luft an, dann zwang sie sich nachzusehen. Die Hand war heruntergerutscht.

»Heute ist Halloween, vielleicht kommt er zurück«, grinste Horst. »Hast du Angst vor einer Leiche?«, er sah sie lauernd an. »Die tun nichts mehr. Der hier hat in seinem Leben zwei Frauen umgebracht und jetzt ist er selber nur noch kaltes Fleisch.«

Er schlug das Laken zur Seite. Waren die Finger so gekrümmt gewesen? Mareike starrte auf die weißgraue Hand. Horst lachte.

»Nicht so ängstlich, der ist jetzt ganz friedlich.«

Er kniff in die leblose Pranke und klatschte sie zurück auf den Bauch, bevor er das Laken wieder über den Toten legte.

»Für heute brauche ich dich nicht mehr. Auf dem Rückweg kannst du den Genossen hier in der Pathologie vorbeibringen. Untergeschoss rechts.«

»Allein?«

»Schiebt ihr bei euch Betten zu zweit? Ich helf dir, ihn in den Aufzug zu bringen. Den Rest schaffst du.«

Er schob das Bett durch den Flur und schloss hinter ihr die Tür. Auf die Idee, sich zu bedanken, kam er nicht. Der Aufzug ruckelte nach unten. Mareike biss sich nervös auf die Lippen. Bis jetzt war sie nur einmal im Untergeschoss gewesen. Der Keller war ihr unheimlich. Der Weg zur Pathologie war ausgeschildert. Das Laken bewegte sich leicht, sie blieb stehen und schlug es zurück. Die Kompresse auf dem rechten Auge war verrutscht, das Auge starrte sie an. Keine Handschuhe mehr. Egal sollten sich die Pathologen drum kümmern, sie zog das Laken wieder über den Kopf. Als sich die Tür öffnete, sah sie sich ihrem neuen Nachbarn gegenüber.

Er war genauso überrascht wie sie. Der weiße Kittel stand ihm gut, fand Mareike. »Ich wusste gar nicht, dass Sie hier arbeiten.« Sie biss sich auf die Lippen. Was für einen Stuss redete sie bloß?  Er lächelte. »Meine erste Stelle. Ich bin Pathologe.«

Mareike half ihm, den Toten in einen Untersuchungsraum zu schieben. »Dieser Mann hat seinen Körper der Forschung vermacht«, erklärte Jan. Er setzte an, das Tuch zurückzuziehen, entschied sich nach einem Blick auf Mareike aber dagegen. »Ich glaube, ich werde erst einmal Pause machen. Haben Sie schon gegessen?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Begleiten Sie mich, wir haben hier ein ganz nettes Büro. Keine Angst, niemand wird uns stören, meine Kunden sind friedlich.« 

Klar dachte sie, die sind ja tot.

Das Büro war gemütlich warm. Auf einem Tisch flackerte eine Kerze. An der Wand hing ein Kreuz. Auf dem Schreibtisch lag eine Bibel neben mehreren Akten. Jan nahm zwei Tassen aus einem Schrank. »Mögen sie Grüntee?« 

Aus dem Kühlschrank zauberte er eine Brötchenplatte.

»Was möchten Sie? Salami mit Tomate oder Schinken-Käse? Für mich ist das sowieso zu viel.«

Sie leckte über ihre Lippen. Hatte er das so appetitlich zurechtgemacht?

»Frau Grund bereitet mir jeden Morgen einen Imbiss vor. Es ist immer viel zu viel, für einen allein. Sie wird sich freuen, wenn sie hört, dass es Ihnen auch gemundet hat.«

Mareike verlor schlagartig ihren Appetit. Von dieser Frau wollte sie sicher nichts essen. »Oh, nein danke, nur einen Tee bitte.«

Als er ihr die Tasse reichte, berührten sich ihre Hände. Ihr wurde heiß. Ihm schien es ähnlich zu gehen, wenn sie seinen Blick richtig deutete. Verlegen drehte sie sich weg. Ihr Blick blieb an der Bibel hängen.

»Die ist schon ziemlich alt?«

Sie fuhr mit der Hand über den Einband. Dunkles Leder, bedruckt mit goldenen Buchstaben.

»Ein Erbstück. Sie gehörte meinen Urgroßeltern. Unsere Vermieterin Frau Eulenburg erzählte mir, dass Sie Katholikin sind.«

Oh mein Gott, was hat die wohl noch erzählt. Mareike wurde rot. Dem Papier nach war sie Katholikin. Ihr letzter Kirchenbesuch lag ewig zurück. Wie kam die Eulenburg nur darauf? Ihr fiel der Priester ein, der ihr das Zimmer vermittelt hatte. Was wäre, wenn sie Jan gestand, dass ihr Religion nicht viel bedeutete?

Er schlug das Buch auf. »Ich lese jeden Tag in der Bibel. Es gibt kein spannenderes Buch. Sehen Sie, die Offenbarungen des Johannes. Die Apokalypse.«

Die kolorierten Illustrationen waren beeindruckend. Sie spürte seinen Atem in ihrem Nacken und drehte sich um. Er stand so nah bei ihr. Wird er mich küssen?, überlegte sie und musste an Frau Grund denken. Was verband die beiden? Wieso richtete sie ihm einen Imbiss für die Arbeit. Waren sie vielleicht sogar verwandt?

Sie drehte sich abrupt wieder zurück und stellte den Tee auf den Tisch. »Ich muss zurück auf meine Station. Wir können gern ein anderes Mal darüber reden.«

Fluchtartig verließ sie den Raum. Ich habe es vermasselt. Mal wieder. Ich treffe den tollsten Mann und ...

»Hey pass doch auf!« Beinah wäre sie in einen Clown hineingerannt.

»Entschuldigung.«

»Nicht schlimm.«

Der Clown zwinkerte ihr zu. Als sie auf ihrer Station eintraf, saßen die Kollegen vor einem Buffet im Stationszimmer.

»Frau Kolpod hat einen ausgegeben. Nimm dir ruhig was, ist ja noch genug übrig.«

Auf der Schlachterplatte lag nur noch Blutwurst.

Nach Dienstschluss ging sie in das naheliegende Fitnessstudio. Seit zwei Monaten war sie Mitglied. Hauptsächlich wegen der Duschkabinen. Sie stand fast eine halbe Stunde unter dem warmen Wasser.

»Heute Abend feiern wir hier eine Halloweenparty. Die meisten von deiner Zumba-Gruppe werden da sein, kommst du auch?«, fragte die Neue von der Rezeption.

Mareike verzog bedauernd ihr Gesicht und zuckte mit den Schultern.

»Ich würde gern, doch ich habe kein Auto und wohne außerhalb. Außerdem bin ich morgen wieder für den Frühdienst eingeteilt.« »Schade, nimm dir was Süßes mit. Wir haben viel zu viel.« Die junge Frau zeigte auf den Tresen, auf dem Unmengen kleiner Beutel mit Süßigkeiten lagen. Außen war das Logo des Studios aufgedruckt. Mareike steckte sich zwei in die Tasche.

»Kannst ruhig mehr nehmen.«

Lachend schob ihr die Angestellte weitere Beutel zu.

»Danke! Und viel Spaß heute Abend.«

Draußen schlug sie den Mantelkragen hoch und zog den Schal ins Gesicht. Es nieselte. Das Laub unter ihren Füßen war glitschig. An der Haltestelle standen nur wenige vermummte Gestalten. Auf der Bank vergammelten Pizzareste. Sie spürte vor Kälte ihre Füße schon nicht mehr, als die Bahn endlich kam.

Im Wagen saßen nur wenige Menschen. In einer Ecke, ignoriert von den anderen Fahrgästen, bedrohte ein Mann seine Sitznachbarin. Die Beschimpfte stand wortlos auf und flüchtete nach vorn. Der Mann schüttelte sein Faust, blieb aber sitzen. Mareike war froh, als sie ihre Haltestelle erreichte. Vor den Häusern leuchteten die Kürbisse, Fenster waren geschmückt. Das Bild versöhnte mit der frühen Dämmerung.  »Süßes oder Saures!« Eine Straßensperre. Grinsende kleine Hexen und Teufel. Sie zog die Studio-Süßigkeiten aus der Tasche. Ein Geist mit Zahnlücke ließ sie großzügig passieren.

Das beschriftete fahle Holzkreuz neben dem Eingang wirkte trist gegen den bunten Schmuck der anderen Häuser. Nächstes Jahr höhle ich auch einen Kürbis aus und stelle ihn raus, nahm sie sich vor, während sie die Tür öffnete. In der Gemeinschaftsküche brannte Licht. Das Gespräch verstummte, als sie eintrat. Die Vermieterin Frau Eulenburg, Frau Grund und Herr Schneider starrten sie an.

»Wollten Sie nicht ihre Eltern besuchen?« Frau Eulenburgs Stimme klang vorwurfsvoll.

»Ich bin gestern zurückgekommen.«

Seit wann bin ich der Eule Rechenschaft schuldig, ärgerte sich Mareike und ging in ihr Zimmer. Sie überlegte, die Eulenburg nach Frau Döring und dem Baby zu fragen, doch als sie kurz darauf die Küche betrat, war diese leer.

Sie kochte eine Kanne Kaffee, machte eine Dose Ravioli warm und zog sich in ihr Zimmer zurück. Ob Jan schon da war? Sie hatte ihn bis jetzt noch nicht gehört. Sie schrieb in ihren Zumba-Chat, dass sie nicht zu dem Halloween Fest des Studios kommen würde. Ein paar andere sagten auch ab.

Draußen war es inzwischen richtig dunkel geworden, als es klingelte. Vor der Tür stand der alte Mann aus dem Zug. Mareike stockte der Atem. Gerade jetzt war kein Mensch da. Normalerweise, dauerte es nicht lange und Frau Grund lungerte im Flur herum, sobald es bei ihr klingelte.

»Ihr Beutel«, er reichte ihr die Tasche mit den Süßigkeiten. »Die Adresse stand auf dem Brief, der in der Tüte lag. Ein Freund hat mich hergefahren.« Er wies auf ein dunkles Auto, nickte ihr zu und verschwand. Sie blieb noch eine Weile stehen und schaute in die Richtung, in die das Auto verschwunden war. Es regnete inzwischen stark. Ihre Haare waren feucht, als sie sich endlich aufraffte, zurück ins Haus zu gehen. Ein Sturm war angekündigt, also wäre die beste Wahl ohnehin, sich gemütlich im Bett einen Film anzuschauen. Sie zog ihren Hausanzug über und ging ins Bad um ihre Zähne zu putzen. Ein Windstoß ließ das gekippte Fenster umklappen. Sie brauchte fast drei Minuten um es wieder richtig zu schließen. Ihre Zahnbürste fiel ihr aus der Hand und landete auf der Erde. Sie bückte sich, um sie aufzuheben und entdeckte einen Schnuller unter dem Schrank. Also doch. Sie wusste, dass Frau Grund das Bad alle drei Tage gründlich wischte, das Teil konnte noch nicht lange da liegen.

Diesmal hörte sie es das Weinen auch hier. Sie schloss die Tür und lauschte. Im Flur war es am deutlichsten zu hören. Hinter der Garderobe führte eine Treppe in den Keller. Mareike besaß einen winzig kleinen Verschlag, in dem ihre Koffer lagerten. Es gab auch eine Waschküche mit einer münzbetriebenen Waschmaschine. Sie öffnete die Tür. Stille. Gerade als sie diese wieder schließen wollte, ertönte es wieder. Ein jämmerliches Schluchzen. Das Geräusch kam von unten. Im Keller flackerte die Notbeleuchtung. Sie versuchte das Treppenlicht einzuschalten. Es blieb dunkel, sie brauchte eine Taschenlampe. Als sie in ihrem Zimmer danach suchte, vibrierte ihr Smartphone. Maria aus dem Zumba- Chat wollte wissen, wann sie sich das nächste Mal treffen würden. Mareike schreib ihr von dem kläglichen Weinen, und dass sie im Keller nachsehen wollte. Maria beschwor sie, die Polizei zu rufen. Das wäre eine Möglichkeit, überlegte Mareike, doch was, wenn da nichts war? Sie schrieb ihre Adresse in den Chat. Ruft die Polizei, wenn ich mich in einer Stunde nicht gemeldet habe. Nimm ein Messer mit, riet ihr Anne, Maria pflichtete dem Vorschlag bei.

Besser ich nehme Jan mit, dachte sich Mareike. Sie steckte das Smartphone und die Taschenlampe in die Hosentasche und schloss ihr Zimmer ab, bevor sie an der Nachbartür pochte. Nichts zu hören. Er schien nicht da zu sein. Frau Grund und Herr Schneider reagierten ebenso wenig auf ihr Klopfen. In der Küche befand sich niemand. Schrie da jemand?

Vorsichtshalber nahm sie das Fleischmesser aus der Schublade. Als sie diesmal die Kellertür öffnete, vernahm sie dumpfes Gemurmel. Da waren Menschen. Ein qualvoller Schrei ertönte. Kein Baby, doch ein Mensch in Not! Die Kälte des Bodens kroch über ihre Füße in ihren Körper.

Wieder ein Aufschrei, begleitet von bedrohlichem Zischen. Sie zog das Smartphone aus der Tasche und wählte den Notruf. Eine Störungsmeldung. Sie probierte es wieder. Besetzt. Sie eilte zur Haustür. Die Straße war menschenleer. Ihre Knie zitterten, sollte sie auf die Hilfe warten? Wieder ein Schrei. Da wurde ein Mensch gequält, sie musste handeln. Sie schrieb in den Chat:  Im Keller passiert etwas, ich gehe jetzt runter, verständigt bitte die Polizei!

Sie hastete zu der offenen Kellertür. Die Geräusche kamen eindeutig von unten. Vorsichtig schlich sie die Treppe hinunter. Wieder war es still. Wachsam tastete sie sich vorwärts, das Messer krampfhaft umklammert. Dann erklang  wieder das klägliche Weinen. Ein Choral stimmte an. Er klang wie ein lateinisches Kirchenlied. Beinahe wäre sie über einen Stuhl gestolpert, als sie um die Ecke bog. Eine Tür öffnete sich. Sie presste sich an die Wand, dicht hinter einen alten Schrank.

»Da ist niemand!« 

Die Stimme kam ihr bekannt vor. Das war Herr Schneider. Der ging zurück in den Raum, die Tür ließ er dabei einen Spalt offen. Vorsichtig schlich Mareike näher. Ihr Handy vibrierte. Gott sei Dank hatte sie daran gedacht, es lautlos zu stellen. Polizei ist unterwegs, schrieb Anne.  Hoffentlich blamiere ich mich nicht, dachte Mareike. Eine kalte Hand griff ihr in die Haare. Den Aufschrei konnte sie gerade noch unterdrücken.  Es waren nur die Schnüre eines Wischmobs, die sich bei ihrer abrupten Bewegung in ihrer Haarklammer verfangen hatten. Sie befreite sich vorsichtig und lehnte das Gerät vorsichtig in die Ecke hinter dem Schrank. Das war knapp gewesen. Sie musste vorsichtig sein. Sie atmete langsam ein und aus, bis sich ihr Herzschlag wieder normalisierte. Inzwischen redete jemand. Die Worte waren nicht zu verstehen. Sie schlich die letzten zwei Meter bis zu der angelehnten Tür und lugte durch den engen Spalt. Der Raum wurde von unzähligen Kerzen erhellt. Vor einem dunklen Tisch standen Menschen in weißen Kutten. Hinter dem Tisch, an einer blutroten Wand, hing ein riesiges Kruzifix mit einem hölzernen Jesus. Das flackernde Kerzenlicht verlieh seinen schmerzverzerrten Zügen ein gespenstisches Leben. In dem Priester erkannte sie den Geistlichen der Klinik. Neben ihm hing eine leblose Gestalt auf einem Stuhl. Wieder erhob er seine Hände und rief eine lateinische Formel, die von den Anwesenden, die sich jetzt hinknieten, wiederholt wurde.

Frau Eulenburg trat zu dem Priester. In ihrem kräftigen Griff wand sich ein nur mit einer Windel bekleideter Säugling.  Der Priester entzündete eine Bodenschale, in der helles Feuer aufloderte. Mareike stockte der Atem. Was hatten die vor? Die Knienden kreischten verzückt, während der Priester das weinende Kind kopfunter an den Füßen hochhielt. Mareike konnte nicht länger zusehen. Sie drückte auf den Lichtschalter neben der Tür, und während die Neonbeleuchtung des Kellerraumes aufflammte, nutzte sie den Überraschungsmoment, um zu dem Priester vorzudringen. Sie entriss ihm das Baby, das sich schluchzend an sie klammerte.

»Geben sie sofort diese Kreatur zurück!«

Der Priester hatte sich schnell gefangen. Mareike wich hinter die Feuerschale zurück und hielt das Kind mit dem linken Arm fest an sich gepresst, das Messer kampfbereit in der rechten Hand.

»Sie Unglückselige, Sie haben ja keine Ahnung! Dieser Dämon muss heute vernichtet werden, nur so kann unsere Welt errettet werden!«

»Verfluchter kranker Bastard, einen Schritt näher und ich schneide dir in deine Eier!«

»Mareike! Unser Priester hat Recht. Die Schriften der Apokalypse leiten uns. Wir sind Apostel des einen wahren Gottes. Das ist kein Baby, es ist eine dämonische Missgeburt. Entstanden in Schande. Die eigene Mutter hat sich geopfert, damit das Böse vernichtet werden kann. Wir müssen es tun. Nur so können wir unsere Welt retten. Gelobt sei der Allmächtige!« 

Jan. Das durfte nicht wahr sein. Ihr Mister Right! Er blickte sie beschwörend an. »Gib mir das Wesen.«

Sie hieb mit dem Messer nach seinen ausgestreckten Armen. In den hatte sie sich verliebt? »Du bist auch so ein Psycho? Statt einer kranken Frau zu helfen, benutzt ihr sie für eure Perversionen!«

Jan umfasste seinen Arm, die weiße Farbe seiner Kutte färbte sich erschreckend schnell rot. Sie musste eine Arterie getroffen haben. Wo blieb nur die verdammte Polizei. Sie presste sich in die hintere Ecke des Raumes. Das Feuer vor ihr loderte hell. Der kleine Körper in ihren Armen wurde ab und an von einem Schluchzer erschüttert. Eine neue Stärke durchfloss Mareike. Diese Wahnsinnigen würden das Kind nur über ihre Leiche bekommen und sie hatte nicht vor zu sterben. 

»Wer bist du, dass du dich gegen die Diener des Allmächtigen stellst? Weiche von ihr, Satanas!«

Der Priester hielt ihr ein Kreuz entgegen, während Frau Grund und die Eulenburg Jan verarzteten, den sie ziemlich schlimm erwischt hatte.

»Ihr dient keinem Gott. Was soll das denn für einer sein, der Psychopathen wie euch braucht!«

»Erkennst du nicht das Zeichen der Dämonen auf dieser Kreatur?«

Sie hieb mit dem Messer nach dem Priester, der sich wieder angeschlichen hatte. In der Ferne hörte sie Sirenen, die allmählich lauter wurden. Das Kleine klammerte sich an sie. Diese feige Bande, was wollten sie dem hilflosen Kind antun?

Einige der Betschwestern versuchten sich zurückzuziehen, als sie die Sirenen vor dem Haus stoppten. Mareike war froh, daran gedacht zu haben, die Haustür anzulehnen, als sie in den Keller herabgestiegen war. Der Priester versuchte noch, ihr das Kleine zu entreißen, als die Beamten schon in den Keller stürmten.

»Die Satansbrut muss vernichtet werden!«, hörte sie ihn geifern, als ihn die Polizisten zur Tür schleiften. Die anderen ließen sich still abführen. Jan warf ihr einen verzweifelten Blick zu, den sie trotzig erwiderte. Frau Döring, die Mutter des Kindes war tot. Ein Sanitäter wollte ihr das Baby abnehmen, doch das Kleine schrie so verzweifelt, das er seine Hände zurückzog. Mareike wickelte das zitternde Kind in die Decke, die ihr der Notarzt gegeben hatte. Liebevoll streichelte sie sein zartes Köpfchen. Das Baby verzog sein kleines Gesicht und lächelte sie an. Der Arzt legte auch ihr eine Decke um.

»Wir hatten heute schon einige krasse Einsätze, aber das hier toppt alles. Ein Glück, dass Sie das Schlimmste verhindern konnten.«

Er begleitete Mareike, die das Kind trug, zu dem Krankenwagen.

***

In der Notaufnahme der Klinik wurde die Kleine zuerst untersucht.

Ja, es war ein Mädchen. Mareike war nicht verletzt.  Trotzdem musste sie zur Überwachung den Rest der Nacht im Hospital verbringen.

Am nächsten Morgen wurde sie entlassen. Die Nachtschwester hatte sie noch vor Beginn des Frühdienstes bei ihrer Station krankgemeldet.

»Es ist besser, Sie kommen erst einmal zur Ruhe«, hatte der Stationsarzt gemeint, bevor er ihr eine Krankmeldung über fünf Tage ausstellte. Sie schaute noch einmal auf der Kinderstation bei dem kleinen Mädchen vorbei, bevor sie nach Hause ging.

Zuhause duschte sie ausgiebig, bevor sie sich umzog. Die Anhörung bei der Polizei war auf 14 Uhr angesetzt. 

Als sie die Küche betrat, um sich etwas zu Essen zu machen, sah sie sich Frau Grund gegenüber.

»Das sie es wagen, sich noch in diesen Räumen aufzuhalten!« Die Grund funkelte sie empört an.

»Das Gleiche könnte ich Sie fragen!«, entgegnete Mareike empört. »Von wegen, hier gab es kein Kind, was hattet ihr vor? Wolltet ihr die Kleine grillen? Ich hoffe, ihr kommt alle ins Gefängnis.«

»Sie haben ja keine Ahnung! Beinahe könnten Sie einem sogar leidtun. Sie haben eine Taufzeremonie gestört. Die arme Mutter hat ihretwegen einen Herzinfarkt erlitten. Noch dazu haben sie einen jungen Mann schwer verletzt, der, hätten wir nicht schnell gehandelt, verblutet wäre. Wer gehört hier wohl hinter Gitter?«

Frau Grund stürmte auf sie zu, wurde aber durch Herrn Schneider aufgehalten. »Lass sie, Karin, die Polizei wird sich um diese Verrückte kümmern.«

Mareike hatte Mühe sich zurückzuhalten. Sie konnte hier nicht bleiben. Wieso waren die beiden überhaupt zu Hause? Die gehörten ins Gefängnis oder zumindest in eine psychiatrische Klinik.

Sie nahm ihre Tasche und begab sich zum Polizeirevier. Noch in der Straßenbahn rief sie ihre Freundin Anne an, die ihr sofort Hilfe zusicherte.

Im Revier tippte der Polizist gerade ihre Aussage, als ein weiterer Beamter das Zimmer betrat, um sie vorläufig festzunehmen. Schwere Körperverletzung wurde ihr vorgeworfen.

Das durfte nicht wahr sein. Sicher, sie hatte Jan verletzt, aber sie wollte doch nur das Kind retten. Sie hatte nicht einmal direkt nach ihm gestochen.

»Es war ein Unfall! Ich wollte den Mann nicht verwunden. Ich habe das Messer nur zur Drohung in seine Richtung gehalten. Er wollte mir das Kind abnehmen. Die wollten die Kleine verbrennen! Fragen sie die Sanitäter, die haben die Feuerschale doch gesehen. Die Polizei hat Aufnahmen gemacht.«

Die Polizisten schauten sich an.

»Es tut mir leid«, rechtfertigte sich der Beamte, »die Anweisung kommt von oben. Sie werden einem Richter vorgeführt werden, aber wir dürfen Sie nicht gehen lassen. Es besteht der Verdacht auf Hinterziehung von Beweisen und desweiteren  Fluchtgefahr. Machen Sie es sich leicht und kommen Sie einfach mit, wenn Sie sich weigern, müssen wir leider Zwang anwenden.«

Schockiert stand Mareike auf und folgte dem Staatsbediensteten. Das durfte nicht wahr sein. Wahrscheinlich hatten diese Betbrüder einen direkten Draht zum Gericht. Sie musste an die hämisch grinsende Frau Grund denken, was würde sie jetzt erwarten?

Sie verbrachte einen endlos langen Tag in Untersuchungshaft, dann kam  Anne um sie abzuholen. Anne, ihre beste Freundin in dieser Stadt, die sie hier beim Zumba kennengelernt hatte.

»Du wohnst erst einmal bei mir. Außerdem brauchst du einen Anwalt.«

Anne, die bei einer größeren Kanzlei arbeitete, kannte sich aus. Sie und ihre Cousine Maria begleiteten sie auch zu dem Haus, um ihre Sachen abzuholen. Die Tür zu Mareikes Zimmer war offen. Das Chaos im Raum zeugte davon, dass jemand etwas gesucht hatte. Wahrscheinlich ihre Vermieterin, gemeinsam mit den lieben Nachbarn. Was hatten die wohl gehofft hier zu finden? Mareike war froh, nicht allein zurückgekommen zu sein.

Frau Grund beobachtete die drei Freundinnen hämisch grinsend vom Flur aus. Mareike war erleichtert, dass sich außer ihrem alten Fernseher und ein paar Büchern, nichts persönliches im Zimmer befunden hatte. Ihr alter Laptop hatte in den Ferien den Geist aufgegeben und einen Neuen wollte sie erst vom Weihnachtsgeld kaufen.

Allein der Gedanke, dass die Grund und die Eulenburg in ihren Sachen herumgewühlt hatten, war schrecklich genug.

»Was haben wir nur für ein Rechtssystem, wenn Verrückte wie Sie frei herumlaufen dürfen?  Hier, das ist für Sie, von Frau Eulenburg.« Frau Grund warf ihr einen Umschlag zu. Die Wohnungskündigung zum 1. Dezember.

»Keine Sorge, ich ziehe schon jetzt aus.«

Anne packte ihre Kleidung in eine Reisetasche. Im Schrank war noch eine riesige Ikeatasche, in die sie ihre Decke, Kopfkissen und die Bettwäsche verstaute. Maria nahm die Kaffeemaschine und die zwei Tassen. Den Flickenteppich würde sie zurücklassen, den hatte ihr die Eule zum Einzug geschenkt. Die Wohnungsschlüssel wollte sie der Grund erst vor die Füße schmeißen, doch Anne hielt sie zurück. »Den schicken wir per Einschreiben. Sonst behaupten sie noch, du hättest ihn unterschlagen.«

»Sie müssen bis Dezember noch Miete zahlen!« , giftete Frau Grund zum Abschied.

»Wie hast du es nur neben dieser Schreckschraube ausgehalten?« Anne schaute mitfühlend zu Mareike, während sie das Auto startete. »Ich musste mich so beherrschen, am liebsten hätte ich der Alten eine gescheuert!«, mischte sich Maria ein. Sie saß auf dem Rücksitz, neben sich den Fernseher, der nicht mehr in den Kofferraum gepasst hatte.

»Nicht nur du! «

»Wir machen dir erst mal dein Zimmer bei mir zurecht und dann gehen wir zu meinem Chef. Er kann dich vertreten.«

»Ich hab nicht viel Geld.«

»Das bekommen wir schon hin.«

Das Zimmer in Annes 60 qm Wohnung war klein wie ein Handtuch. Ein Bett, ein Schrank, ein Schreibtisch. Die Poster an den Wänden zeigten eine Heavy-Metal-Band.

»Ist von meinem Sohn, er ist letztes Jahr ausgezogen. Der macht eine Ausbildung in Berlin. Also vorerst kannst du hier wohnen.«

»Danke!«

Mareike trat ans Fenster, das fast die ganze Stirnwand einnahm. 13. Stockwerk. Der Blick auf die Frankfurter Skyline versöhnte mit dem heruntergekommenen Wohnblock.

»Ich weiß, es ist nicht das Hilton, doch die Wohnung ist günstig. Nach meiner Scheidung war ich faktisch pleite.«

Die Wohnung hatte außer einem kleinem Wohnzimmer noch  zwei noch kleinere Schlafzimmer, von denen eines früher als Kinderzimmer diente.

»Es ist nicht gerade groß, hoffe es langt dir, die Poster sind noch von meinem Sohn, bringe es nicht übers Herz sie abzunehmen.«

»Das Zimmer ist perfekt, Anne, vor allem hat es auch eine fabelhafte Aussicht. Danke, dass ich hier bleiben darf. «

»Die Mieter auf unserem Flur sind ganz nett. Wenn ich da an deine ehemaligen Nachbarn denke! Man darf nur nichts in den Keller stellen. Zumindest nichts, auf das man nicht verzichten möchte. Bei so vielen Menschen, die hier ein und ausgehen allerdings kein Wunder.«

Anne half Mareike ihre Sachen zu verstauen, dann tranken sie mit Maria, noch einen Kaffee.

Um in die Kanzlei zu gelangen, mussten sie fast zwanzig Minuten mit der Straßenbahn fahren. Der Anwalt,  Dr. Meixner, ein älterer freundlicher Herr, erwartete sie schon. Anne hielt ihr die Hand, während sie ihm ihre Version des Halloweenabends schilderte.

Seine Züge waren ernst, als er zu reden begann.

»Anne Meinhardt hat mich ja schon vorgestern von der Angelegenheit in Kenntnis gesetzt. Weil Sie einen festen Wohnsitz und eine Arbeitsstelle haben, sind Sie vorerst nicht in Haft. Das Gericht hat aber die Auflage gemacht, dass Sie sich einem Psychiater vorstellen. Ich habe einen Termin für Sie vereinbart. Problematisch ist, dass die Teilnehmer der religiösen Zeremonie alle etwas ganz anderes aussagen.«

Er blätterte in seiner Unterlagen. »So, da haben wir es ja. Die gegnerische Partei behauptet, es habe sich um eine friedliche Taufzeremonie gehandelt. Einige meinten gar, der Tod der jungen Mutter wäre dem Schreck über ihr Eindringen geschuldet. Sie wären, einer Furie gleich, in den feierlichen Gottesdienst geplatzt, hätten der Patin das Kind entrissen und den jungen Arzt, der sie beruhigen wollte, böswillig verletzt. Durch das Messer, das sie extra mit hinunter genommen haben, wird die Tat als Vorsatz gewertet. Glücklicherweise wären Polizei und Notarzt rechtzeitig eingetroffen, so dass sie wenigstens dem Kind nichts antun konnten. Eine ziemlich schwerwiegende Anschuldigung .«

Er schaute sie prüfend an. Mareike fehlten die Worte. Sie sollte schuld am Tod der Mutter haben? Das Ganze sollte ein friedlicher Gottesdienst gewesen sein? Könnte es sein, dass sie irgendetwas fehlinterpretiert hatte? Nein. Unmöglich. Die Schreie, das war kein harmloser Gottesdienst. Und das Kind wurde als Dämon bezeichnet. Der Priester sprach von Vernichtung. So etwas konnte man nicht falsch verstehen.

Anne drückte ihre Hand.

»Also, die Polizei habe ich verständigt, nachdem Mareike mich darum gebeten hatte. Sie können sich gern den Chatverlauf ansehen.«

»Und ich habe versucht die Polizei zu rufen, doch der Notruf war immer besetzt!  Deshalb habe ich Anne im Zumba-Chat gebeten, dass sie die Polizei schicken soll. Ich hatte Angst und niemand war da. Dann hörte ich diese Schreie, ich musste da runter. «

Der Anwalt hob beschwichtigend die Hände.

»Ich glaube Ihnen ja. Dass es um diese Zeit eine kurzfristige Störung beim Notruf gab, wurde auch schon bestätigt. Die Polizisten und Sanitäter haben eine verschreckte Gemeinschaft, einen tobenden Priester und eine junge Frau mit Messer und einem Baby im Arm vorgefunden. Dazu einen verletzten jungen Mann. Die Aussagen, die getroffen wurden, sind widersprüchlich. Der Priester behauptet, er wäre in Sorge um das arme Kind fast durchgedreht. Ihre beiden Nachbarn und Ihre Vermieterin  haben Sie als überspannte, nervöse Frau bezeichnet, die ständig Hilfe eingefordert hat. Die versucht hat, sich aufzudrängen und eifersüchtig auf die junge Mutter reagiert hat.«

Mareike schnaufte empört. Das durfte alles nicht wahr sein.

»Ich glaube Ihnen, Frau Stein, aber Sie müssen wissen, gegen wen Sie da kämpfen. Diese Menschen halten zusammen. Das Gründen von privaten Gebetsgruppen ist nicht verboten. Diese Leute sind noch nie negativ aufgefallen. Im Gegenteil. Einige von ihnen sitzen im Stadtrat, andere sind engagiert bei verschiedenen Vereinen. Der Priester hat jahrelang ehrenamtlich Flüchtlinge in Afrika betreut. Allerdings ist er in den Laienstand versetzt worden, wegen einiger Unregelmäßigkeiten. Das kommt uns vielleicht zu Pass. Der junge Mann, den sie verletzt haben, hat für Sie ausgesagt. Er meint, dass sie ihn nicht verletzen wollten, dass die ganze Sache ein Unfall und ein Missverständnis war.«

»Verletzen wollte ich ihn wirklich nicht, ich wollte nur, dass er Abstand hält. Ich wollte das Kind beschützen. Die waren ja so erpicht darauf, es zu töten.  Sie haben behauptet, es sei ein Dämon, der vernichtet werden müsse. Das muss man sich mal vorstellen, so ein süßes kleines Baby als Dämon zu bezeichnen!« Sie versuchte ihre Tränen zurückzuhalten.

Der Anwalt legte eine Zeitung auf den Tisch. Fett gedruckt die Schlagzeile: Psychisch kranke Frau stört Taufzeremonie einer Freikirche. Dazu kamen ein paar Fakten über die Kirche, die sich als  Nachfolger der Urchristen bezeichnete und  nichts anderes im Sinn hat, als im Dienste Gottes zu leben und anderen Menschen zu helfen. Aus diesem Grund  hatte ein Gemeindemitglied, dazu sah man ein Bild von Frau Eulenburg, einer jungen mittellosen Krankenschwester Obdach gewährt. Zum Dank störte diese dann den Gottesdienst, indem sie Gemeindemitglieder bedrohte. Die arme Mutter erlitt einen Herzinfarkt, an dem sie tragischer Weise verstarb und nur ein besonnener junger Arzt, Mitglied der Gemeinde, konnte unter Einsatz seiner Gesundheit verhindern, dass das hilflose Baby verletzt wurde.

Ein Bild von Mareike war auch dabei. Glücklicherweise eines, auf dem sie kaum einer erkennen konnte.

»Die ersten Hyänen. Ihren Namen haben sie glücklicherweise falsch geschrieben, aber passen Sie auf, dass da nichts nach kommt. Geben Sie keine Interviews! Ich habe eine einstweilige Verfügung erwirkt. Ich hoffe, wir bekommen die Sache so in Griff. Glücklicherweise passiert im Moment ziemlich viel, sonst könnten Sie sich morgen schon auf allen Titelbildern sehen. Ich habe der Presse erst einmal einiges an Material über den Priester zugänglich gemacht. Er ist nicht umsonst in den Laienstand versetzt worden. Verdacht auf Kindesmisshandlung, Exorzismus mit Todesfolge. Angeblich ein Unfall. Jetzt kommt es darauf an, was der Vater des Kindes zu all dem meint. Frau Döring ist mit dem Kind vor ihrem Mann geflüchtet. Er hat sie und die Kleine durch Privatdetektive suchen lassen. Sie war vor ihrer Flucht, wie ich in Erfahrung bringen konnte, in psychiatrischer Behandlung. Wochenbettdepression.

Eine ziemlich üble Geschichte und Sie leider mittendrin. Sie können sicher sein, dass ich alles tun werde, um Ihnen zu helfen. Versuchen Sie auf jeden Fall, der Presse aus dem Weg zu gehen. Die Besuche bei dem Psychologen sind nötig, damit der bestätigen kann, dass Sie nur helfen  wollten und nicht unter Wahnvorstellungen leiden. Später habe ich noch einen Termin mit dem Anwalt des Kindesvaters, wenn die psychische Erkrankung seiner Frau dokumentiert wird, kann das auch zu Ihrer Entlastung beitragen.«

Mareike und Anne verabschiedeten sich von Dr. Meixner. Sie nahmen die Treppe, da der Fahrstuhl blockiert schien. Glücklicherweise, denn so bemerkten sie die Journalisten am Eingang rechtzeitig. Anne zog Mareike in eine Toilette im zweiten Stock. 

»Hier gibt es leider keinen Hinterausgang, da müssen wir improvisieren.« 

Sie nahm ein Kosmetiktäschchen aus ihrer Tasche und schminkte ihr Gesicht, dazu setzte sie eine unauffällige Brille auf, band ihr Haar zu einem Dutt nach oben.

»Jetzt sehe ich doch wie eine Anwältin aus, oder? «

Sie betrachtete sich im Spiegel. »Für dich brauche ich etwas Besonderes, warte mal bitte kurz. «

Sie verschwand und während Mareike noch überlegte, was Anne vorschwebte, war die schon wieder da.  »So, du wirst jetzt deine Jacke gegen diesen Mantel tauschen, keine Angst, es ist der Mantel unserer Putzfrau. Sie wird ihn heute Abend zurücktauschen, sie wohnt in unserem Haus und ist eine Freundin von mir.«

Der Mantel war grau und weit geschnitten. Fatima, die Besitzerin kam nun auch in die Toilette und betrachtete Mareike kritisch. »Habe in meinem Schrank noch was, damit erkennt dich niemand!« Sie verschwand, um kurz darauf mit einem grauen Tuch zurückzukehren, dass sie Mareike um Kopf und Schultern drapierte. »Siehst jetzt aus wie meine Schwiegermutter!«, freute sich Fatima und zog noch eine altmodische Brille aus einer Tasche. »Hier, die hat mal jemand im Büro vergessen.«

Mareike setzte sie auf. »Oh man, damit sehe ich alles verschwommen!« »Egal, du siehst jetzt aus wie fünfzig!«, freute sich Anne. Sie bedankten sich bei Fatima und Anne nahm die stolpernde Mareike am Arm und gemeinsam gingen sie die Treppe hinab, während Anne auf Mareike in Polnisch einredete. Die Blicke der Journalisten streiften sie nur kurz, bevor sie sich wieder auf den Ausgang hefteten, um dann auf eine junge Frau zuzustürmen, die das Gebäude gerade verlassen wollte. Mareike bekam noch mit, wie die Frau sich erschrocken umdrehte, um schnell wieder im Gebäude zu verschwinden.

Zuhause bei Anne fuhr diese gleich ihren Computer hoch. Der Tenor bei den meisten Nachrichtenportalen war gleich. Junge, psychisch kranke Frau bedroht Gemeindemitglieder bei einer Taufzeremonie, die Mutter des Täuflings stirbt, ein junger Arzt wird bei der Rettung des Babys lebensbedrohlich verletzt, der Priester ist verzweifelt.

In manchen Berichten hieß es, dass die junge Angreiferin verhaftet wurde, in anderen schrieb man, sie sei in psychiatrischer  Behandlung. Glücklicherweise wäre das Kind, ein Mädchen, wohlauf und bei seiner Familie. Auch bei Facebook wurde diskutiert, wie Anne Mareike zeigte. Mareike war froh, ihren Account, Mari Espunkt, fast nie zu nutzen.  Das einzige öffentliche Foto, auf dem sie sich erkannte, stammte von einer Feier auf ihrer Station. Allerdings hatte sie da ihr Haar ganz stramm nach hinten gebunden und probierte grade die Brille ihrer Kollegin auf.

»Auf diesem Foto erkennt dich kein Mensch«, beruhigte sie Anne.

Mareikes Handy klingelte. Ihre Station. Was die nur wollten? Sie war noch drei Tage krankgeschrieben.  Sie überlegte erst das Gespräch wegzudrücken, nahm es dann aber doch  an. Die Stationsschwester informierte sie, dass sie bis zur Klärung des Sachverhalts freigestellt sei. Mareike war einerseits erleichtert, andererseits wusste sie auch, was das bedeutete. Sie war noch in der Probezeit.

Am nächsten Morgen gab es ein in einer großen Boulevardzeitung ein Bild von dem Haus, in dem alles geschah. Kerzen und Blumen vor der Tür und eine heuchlerisch weinende Frau Grund, die die Eulenburg stützte. Dazu ein Interview, in dem die alte Frau von ihrer Religionsgemeinschaft berichtete, die sich der Barmherzigkeit und der Nächstenliebe verpflichtet fühle, die tolerant das Gespräch mit anderen Glaubensrichtungen suche und Menschen in Not Obdach böte. Geschickt gab sie sich selbst eine Mitschuld, weil sie die psychischen Probleme der jungen Frau nicht erkannt hatte.

Danach folgte der pseudowissenschaftliche Erguss eines Psychiaters. Sogar in den Abendnachrichten wurde kurz das Haus gezeigt, dessen Eingang sich in ein Blumen und Kerzenmeer verwandelt hatte.

In den nächsten Tagen tauchten andere Fotos auf. Ein Bild von dem Haus, in dem sie jetzt wohnte. Ein Gebäude, in dem angeblich achtzig Prozent der Mieter vom Sozialamt unterstützt wurden.

Eine Aufnahme von dem Müllplatz neben dem Haus, der aufgrund dessen, dass es Tag der Müllabfuhr war, ziemlich wüst aussah und auf dem eine junge Frau mit dunkelblonden Haaren wütend die Faust gegen die Fotografen erhob. Ein unbedarfter Leser konnte vermuten, dass dieses Bild sie, Mareike, zeigte.

Drei Tage später kam die Kündigung ihrer Arbeitsstelle, zum ersten Januar, per Einschreiben.

»Immerhin hätten die dir auch zum ersten Dezember kündigen können«, tröstete Anne ihre Freundin. 

»Ich denke mal, dass wollten die auch. Da ich noch in der Probezeit bin, hätten sie mich ja sogar sofort entlassen können. Aber da bei denen die rechte Hand nicht weiß, was die Linke tut und überall nur angelernte Hilfskräfte sitzen, dachte jemand, die Kündigungsfrist betrüge acht Wochen. Naja, immerhin bekomme ich so noch Weihnachtsgeld. Und kann die Feiertage nach Hause, da wird sich meine Mutter freuen.«

»Richtig so! Sieh es positiv. Und jetzt kannst du auch in aller Ruhe einen neuen Job suchen. Bei mir kannst du bleiben, solange du willst und um die Miete musst du dir auch keine Sorgen machen. «

»Danke, ist total lieb von dir, aber ich werde mich schon beteiligen, sonst kann ich hier nicht bleiben. Ich ruf erst mal meine Mama an, wegen Weihnachten. Außerdem weiß ich nicht, was sie von dem ganzen Theater mitbekommen hat.«

Mareike umarmte Anne und ging in das kleine Zimmer, in dem sie jetzt lebte. Es fiel ihr schwer, die Mutter anzurufen. Wie sollte sie ihr erklären, was in den letzten Tagen vorgefallen war? Hoffentlich würde sie sich freuen, wenn sie Weihnachten nun daheim war. 

Sie erreichte die Mutter erst beim zweiten Versuch und dann konnte sie ihr doch nichts sagen, weil diese ganz aufgeregt erzählte, dass  Vater  eine Kreuzfahrt gebucht hatte. Vier Wochen über Weihnachten und Neujahr. Die Nachrichten und Zeitungsberichte über Mareike schien sie nicht gelesen zu haben und wenn, brachte sie diese nicht mit ihrer Tochter in Verbindung. Mareike brachte es nicht fertig, ihr von ihren Problemen und von der Kündigung zu erzählen.

»Meine Mutter war so glücklich, sie hat nur kurz gefragt, wie es mir geht und dann die ganze Zeit von der Reise erzählt. Unseren Hund nimmt eine Freundin von ihr, mit der sie immer zusammenläuft, die besitzt den Wurf-Bruder von unserem. Schade, ich hätte ihn auch genommen, jetzt, wo ich nicht arbeiten muss. Ich hätte so lange das Haus hüten können. Aber ich muss ja wegen dieser blöden Verhandlung hierbleiben. Mein Gott, wie ich diese verlogenen Betschwestern hasse. Und Jan. Wie kann jemand wie er nur zu denen gehören, das verstehe ich überhaupt nicht. Er hat studiert, er kann doch nicht so verbohrt und blöd sein. Das ist immerhin eine Sekte! «

»Der Priester soll früher ganz normal gewesen sein. Er hat sich in Afrika für Straßenkinder engagiert. Dann kam er wohl mit Voodoopriestern in Berührung. Jedenfalls hat er daraufhin begonnen Exorzismen durchzuführen und sich mit anderen Gemeinschaften gegen angebliche Dämonen  zusammengetan. Deshalb haben sie ihn vor zwei Jahren exkommuniziert und in den Laienstand versetzt. Inzwischen ist das ja bei einigen Zeitungen auch angekommen. Die Mädels von Zumba haben die passenden Links bei Facebook gepostet, dort, wo sie noch immer über die harmlose Glaubensgemeinschaft schreiben. Du wirst sehen, die Meinung dreht sich! Jetzt musst du nur stark bleiben, wir stehen alle hinter dir! Der Shitstorm, den die gegen dich senden, fällt voll auf sie selbst zurück!«

Mareike erwiderte nichts. Ja, der Shitstorm. Doch etwas blieb immer haften. Nicht umsonst hatte sich die Klinik so beeilt, ihr zu kündigen. Sicher hatte Jan seinen Job behalten. Das arme Opfer einer Messerattacke ...

Eine frühere Kollegin von ihrer Station rief sie auf dem Handy an, um mit ihr zu reden, doch schon nach den ersten Worten reichte sie das Telefon an eine Journalistin weiter. Mareike war froh, sich nicht auf das vorgeschlagene Treffen eingelassen zu haben und legte enttäuscht auf.

Sie mochte nicht einmal mehr aus dem Haus gehen. Wenn es gar nicht zu vermeiden war, zog sie einen dunklen Mantel, der Anne gehörte, über und versteckte ihr Haar unter einem Kopftuch. Diese Verkleidung machte sie unsichtbar  für die Reporter, die ab und an vor dem Gebäude lauerten, in dem ihre Psychiaterin ihre Praxis hatte. Woher die wohl ihre Termine wussten? Mareike ging immer etwas früher los und nahm das graue Kopftuch erst vor der Praxistür ab, genau wie die billige Hornbrille, die ihr Anne besorgt hatte. Gegenüber den Praxisräumen gab es bei einem Frauenarzt eine Toilette, auf der sie sich dann wieder verkleiden konnte, bevor sie das Gebäude verließ.

Die Ärztin wollte alles, nur nichts über die Tatnacht wissen. Sie fragte sie nach dem Verhältnis zu den Eltern, zu ihren Kollegen und zur Religion aus. Sie wollte wissen, in was für einem Verhältnis sie zu Jan gestanden hätte. Könnte es sein, dass sie sich von ihm zurückgesetzt gefühlt hätte? Mareike war vorsichtig. Sie vertraute der Frau nicht. Ständig wollte sie ihr einreden, dass sie sich vielleicht nur getäuscht hätte.

»Ich würde mich nicht wundern, wenn die Frau auch ein Mitglied dieser Sekte ist«, überlegte sie bei einem Gespräch mit Anne.

»Vielleicht, sei einfach vorsichtig, was du ihr sagst. Ich rede mal mit meinem Chef, ob man da irgendetwas machen kann.«

Nach dem nächsten Termin erhielt sie zu ihrer Erleichterung eine Mitteilung ihres Anwalts, dass sie nicht weiter zu der Therapeutin gehen müsste.

Der Vater des Kindes erhob schwere Anschuldigungen gegen die Religionsgemeinschaft, die die psychische Labilität seiner Frau ausgenutzt hätte, um sie ihrer Familie zu entfremden. Laut des Obduktionsberichtes, war die junge Mutter mit Drogen vollgepumpt gewesen. Der Mann verklagte die freikirchliche Gemeinschaft wegen Mordes. Angeblich hatte Frau Döring auch einen sechsstelligen Betrag beiseite geschafft, um ihn dieser Vereinigung zufließen zu lassen. Die öffentliche Meinung schwenkte um. In den Zeitungen konnte man plötzlich viel über gefährliche Sekten lesen. 

Mareike war vergessen. Es gab aber auch keine Entschuldigung. Das Verfahren wurde einfach eingestellt.

»Echt toll, jetzt habe ich nicht mal einen sauberen Freispruch und wie es aussieht, kommt diese fromme Bande auch straffrei davon, weil man ihnen nichts beweisen kann. Die junge Mutter hat die in ihrem Blut nachgewiesene Überdosis an Drogen angeblich selbst genommen und die Annahme von Spenden ist Glaubensgemeinschaften ja erlaubt!«, beklagte sich Mareike bei Anne. »Einen neue Stelle in einer Klinik habe ich auch nicht gefunden, nur Angebote von Zeitarbeitsfirmen.«

»Vielleicht solltest du das erst einmal was annehmen. Wechseln kannst du später immer noch. Bei mir kannst du auf jeden Fall noch weiter wohnen! «, versuchte sie die Freundin aufzumuntern.

»Danke, ist total lieb von dir, aber ich habe mich gestern bei einer Hilfsorganisation vorgestellt, die suchen Fachpersonal für Einsätze in Asien und Afrika. Wenn es klappt,  geht’s noch im Januar los.«

Anne schaute besorgt. »Bist du sicher, dass du das tun möchtest? Dieser komische Priester, der hat doch in Afrika gearbeitet. Was, wenn du es dort auch mit solchen Leuten zu tun bekommst?«

»Keine Sorge, es sind ja nicht alle so, abgesehen davon ist die Organisation bei der ich mich beworben habe nicht kirchlich«, lachte Mareike.

»Ich werde mich ja auch erst einmal nur für ein Jahr verpflichten.«